HYPO Invest Club: Prof. Hans-Werner Sinn
HYPO Invest Club:
Prof. Hans-Werner Sinn: „Der Rettungsschirm rettet den Euro nicht“
Internationaler Top-Ökonom Hans-Werner Sinn diskutiert mit NÖ Landeshauptmann-Stv. Sobotka und HYPO NOE-Generaldirektor Harold über Probleme und Sinnhaftigkeit eines EURO-Rettungsschirms
(Wien/St.Pölten, 04. Mai 2011) Vor rund 100 geladenen Gästen im Palais Niederösterreich in Wien hebt Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo – Instituts für Wirtschaftsforschung in München, die Wichtigkeit der ausgewogenen Kapitalverteilung innerhalb Europas hervor. Die Euro-Story teilt der Ökonom in drei Kapitel, bestehend aus: 1. exzessiven Kapitalströmen; 2. heimlicher Finanzierung der Leistungsbilanzdefizite über sogenannte Target-Kredite durch die Zentralbanken sowie 3. einer offiziellen Rettungsaktion. In letzterer befinde sich die Europäische Union gegenwärtig. In der Einführung des Euro-Rettungsschirms sieht Hans-Werner Sinn keine Lösung des Problems, im Gegenteil, das weitere Zuschießen von Geldern an Schuldenstaaten verschlimmere die Lage zusehends. „Der Rettungsschirm rettet den Euro nicht – aber er lastet Deutschland ungeheure Risiken auf“, erläutert Sinn.
Den Ursprung der Staatsschuldenkrise ortet der Finanzwissenschaftler in der Zinspolitik der EU: „Die Krise der GIPS-Länder Griechenland, Irland, Portugal und Spanien rührt daher, dass diese Länder schon bei der Ankündigung des Euro Mitte der 1990er-Jahre in den Genuss extrem niedriger Zinsen kamen, sich deshalb hemmungslos verschuldeten und Kapital aus anderen Gebieten des Euroraums, vornehmlich Deutschland, absogen.“ Für den Ökonom gibt es aufgrund der derzeitigen Entwicklung lediglich zwei logische Konsequenzen für den Euro: Entweder dessen Zusammenbruch, oder die Umwandlung der EU in eine Transferunion.
Den einzigen Rettungsanker für den Euro sieht der Präsident des ifo in keinem Rettungsschirm, sondern ausschließlich in einem „kontrollierten Zudrehen des Geldhahns“ für verschuldete Länder durch eine Art „Versicherung mit Selbstbehalt“.
HYPO NOE Generaldirektor und Gastgeber des Clubabends, Peter Harold, ortet das zentrale Problem ebenfalls in den Kapitalmärkten. „Kapitalmärkte haben ein kurzfristiges Gedächtnis. Die Geschichte wiederholt sich immer wieder.“ Auf nationale Ebene herunter gebrochen müsse laut Harold unter anderem die wichtige Finanzkraft der Gemeinden erhalten werden. „Als Regionalbank sieht es die HYPO als zentrale Aufgabe, die Gemeinden mit maßgeschneiderten Finanzlösungen zu unterstützen und somit die Wirtschaft der Bundesländer und in letzter Konsequenz das ökonomische Wachstum Österreichs zu fördern“, so der Bankexperte zur Aufgabe der heimischen Landesbanken.
Niederösterreichs Landeshauptmann-Stellvertreter Wolfgang Sobotka schätzt die aktuelle Situation der Finanzmärkte als eher instabil ein. Es gäbe jedoch auf Landesebene zahlreiche Maßnahmen, die die Wettbewerbsfähigkeit stärken sollen. „Wettbewerbsfähigkeit ist ein zentrales Thema – sie ist die Basis einer gesunden Wirtschaft“, so Sobotka. Die Europäische Union sei dem niederösterreichischen Finanzreferenten zufolge höchstwahrscheinlich lediglich erst durch ein Negativbeispiel in Form einer Insolvenz eines Mitgliedsstaates wachzurütteln.
Der von Helmut Brandstätter moderierten Podiumsdiskussion folgte eine interessante und lebhafte Fragerunde der zahlreichen Gäste aus Politik, Wirtschaft und dem öffentlichen Leben. Die Veranstaltung war der fünfte HYPO Invest Club der HYPO NOE Gruppe, nach der Premiere der Veranstaltung im Mai 2009 mit Prof. Lothar Späth als Keynote-Speaker, dem Besuch von Hans-Dietrich Genscher anlässlich des 20. Jahrestages nach dem Fall der Berliner Mauer im Oktober 2009, dem Vortrag des EU-Vizepräsidenten a.D. Günter Verheugen im Juni 2010 über die Zukunft Europas und des Euro sowie der spannenden Diskussion mit Prof. Norbert Walter über die Trends und Optionen der Weltfinanzmärkte nach der Krise im Oktober 2010.